Was passiert mit der Stadt Rosenheim
9s nachgedacht
Einbahnstraßen in Rosenheim: Das Rathaus muss auch an die Menschen denken, die auf ihr Auto angewiesen sind
Verkehrsberuhigung darf nicht auf Kosten der Erreichbarkeit gehen – Bayern Regional News fordert einen genaueren Blick auf das Umland, wohnortnahe Versorgung und Menschen mit Behinderung.
Ein kritischer Hintergrundbericht mit BRN-Kommentar
Rosenheim. Weniger Durchgangsverkehr, mehr Platz für Fußgänger und sichere Wege für Radfahrer: Diese Ziele klingen zunächst vernünftig. Doch bei der Diskussion über Einbahnstraßen und die künftige Verkehrsführung in Rosenheim darf eine entscheidende Frage nicht untergehen: Wie kommen diejenigen weiterhin in die Stadt, die auf ihr Auto angewiesen sind?
Wer Verkehrsplanung vor allem aus der Perspektive einer Innenstadt betrachtet, riskiert, die Lebenswirklichkeit außerhalb des Zentrums aus dem Blick zu verlieren. Rosenheim ist auch Einkaufs-, Arbeits- und Versorgungsort für Menschen aus dem Umland. Das Rathaus muss deshalb erklären, wie Verkehrsberuhigung und verlässliche Erreichbarkeit zusammenpassen sollen.
Ein Konzept allein beantwortet die Alltagsfragen nicht
Für die Rosenheimer Innenstadt liegt eine Verkehrsuntersuchung mit einem Zielkonzept vom Mai 2023 vor. Darin werden Einbahnstraßen, eine Ringumfahrung und unterschiedliche Erschließungsbereiche beschrieben. Durchgangsverkehr soll reduziert, Platz für andere Verkehrsarten gewonnen werden. Zugleich nennt das Konzept die Erreichbarkeit von Wohnhäusern und Parkhäusern als Ziel. Eine vollständige Umsetzung des Gesamtkonzepts ließ sich bei unserer Recherche nicht belegen.
Aus Sicht von Bayern Regional News reicht es jedoch nicht, Erreichbarkeit in einer Präsentation zu versprechen. Entscheidend ist, ob sie im Alltag funktioniert: für den Arztbesuch, den Einkauf, den Arbeitsweg und für Menschen, die Unterstützung benötigen.
Das Rathaus muss sich daran messen lassen, welche Wege eine Änderung tatsächlich verursacht – und wem diese Wege zugemutet werden.
Wer von außerhalb kommt, kann nicht einfach auf das Auto verzichten
Nicht jeder Besucher aus dem Umland hat eine passende Bus- oder Bahnverbindung. Wer abseits gut angebundener Strecken wohnt, mehrere Termine miteinander verbinden muss, Einkäufe transportiert oder Angehörige begleitet, kann auf das Auto angewiesen sein.
Der Hinweis, man könne auf öffentliche Verkehrsmittel umsteigen, beantwortet diese Probleme nicht. Eine Alternative muss zur Arbeitszeit, zum Termin und zur persönlichen Situation passen. Sie muss auch für die Rückfahrt funktionieren.
Wer mit dem Auto nach Rosenheim kommen muss, braucht deshalb eine verständliche Zufahrt und einen geeigneten Parkplatz. Zusätzliche Schleifen durch die Stadt oder lange Wege vom Stellplatz zum Ziel können einen ohnehin aufwendigen Besuch weiter erschweren.
Eine Stadt, die Menschen aus dem Umland willkommen heißen will, muss deren Anreise mitdenken.
Menschen mit Behinderung brauchen mehr als einen Parkplatz irgendwo
Besonders deutlich wird das bei Menschen mit Behinderung und erheblichen Einschränkungen beim Gehen. Ein Parkplatz kann auf einem Stadtplan nahe erscheinen und für einen betroffenen Menschen trotzdem unerreichbar weit entfernt sein.
Wer einen Rollstuhl oder Rollator nutzt, unter Schmerzen geht oder nur kurze Strecken bewältigen kann, braucht einen geeigneten Stellplatz möglichst nahe am Ziel. Auch Menschen mit vorübergehenden Einschränkungen, etwa nach einer Operation, können auf kurze Wege angewiesen sein.
Was hilft ein freier Parkplatz, wenn der Weg von dort zur Arztpraxis, zum Geschäft oder zur Behörde nicht bewältigt werden kann?
Dabei geht es um mehr als Entfernung. Ebenso wichtig sind ausreichend Platz zum Ein- und Aussteigen, abgesenkte Bordsteine und ein durchgehend nutzbarer Weg. Auch das sichere Bringen und Abholen muss berücksichtigt werden.
Das Rathaus sollte deshalb bei jeder geplanten Änderung konkret darlegen: Welche geeigneten Stellplätze bleiben erreichbar? Welche Wege entstehen? Und wie werden Betroffene an der Planung beteiligt?
Barrierefreiheit darf kein Punkt sein, der erst nach der Neuordnung des Verkehrs abgearbeitet wird. Sie muss von Anfang an bestimmen, ob eine Lösung überhaupt alltagstauglich ist.
Münchener Straße zeigt den Konflikt
Dass eine Einbahnregelung nicht automatisch alle Probleme löst, zeigte die Diskussion über die Münchener Straße im Frühjahr 2026. Für den Baustellenbereich zwischen Gillitzerstraße und Salinstraße wurde eine vorübergehende Einbahnführung beantragt. Befürworter verwiesen auf unübersichtliche Situationen; andere warnten vor Umleitungen und zusätzlichen Schwierigkeiten. Der Antrag fand bei fünf zu fünf Stimmen keine Mehrheit.
Gerade solche Auseinandersetzungen verlangen vom Rathaus eine nachvollziehbare Darstellung: Welche Variante verbessert die Sicherheit? Welche verlagert Verkehr? Und welche Folgen entstehen für diejenigen, die dort wohnen, arbeiten oder ein Ziel erreichen müssen?
Verkehrsberuhigung darf Probleme nicht nur verschieben
Eine Straße wird nicht allein dadurch Teil einer guten Verkehrsplanung, dass dort weniger Autos fahren. Wenn sich der Verkehr anschließend durch benachbarte Wohngebiete drängt oder die Parkplatzsuche verlängert, muss auch das in die Bewertung einfließen.
Bayern Regional News hält deshalb überprüfbare Ergebnisse für notwendig: Verkehrszählungen, nachvollziehbare Umleitungswege, eine Betrachtung der Nachbarstraßen und eine konkrete Prüfung der barrierefreien Erreichbarkeit.
Auch Handel, Gastronomie, Pflege- und Lieferdienste brauchen verlässliche Bedingungen. Wer Veränderungen plant, muss erklären, wie diese unterschiedlichen Anforderungen zusammengeführt werden.
BRN-Kommentar: Mobilität muss für alle funktionieren
Das Rathaus darf von den Menschen nicht erwarten, dass sie ihre körperlichen Möglichkeiten oder ihre Wohnsituation einer Verkehrsplanung anpassen.
Mehr Sicherheit und eine angenehmere Innenstadt sind berechtigte Ziele. Ebenso berechtigt ist der Anspruch, eine Arztpraxis, ein Geschäft oder eine Behörde erreichen zu können, wenn längere Fußwege nicht möglich sind.
Menschen, die auf ihr Auto und einen nahe gelegenen Parkplatz angewiesen sind, dürfen in dieser Debatte nicht als lästiger Sonderfall behandelt werden. Ihre Bedürfnisse gehören in den Mittelpunkt einer verantwortungsvollen Planung.
Die entscheidende Frage lautet deshalb: Wird Rosenheim durch eine neue Verkehrsführung für alle besser erreichbar und nutzbar – oder nur für diejenigen, die problemlos weitere Wege zurücklegen können?
Bayern Regional News fragt nach Ihrer Meinung
Kommen Sie aus dem Umland und sind auf Ihr Auto angewiesen? Finden Sie in Rosenheim einen geeigneten Parkplatz nahe genug an Ihrem Ziel? Welche Erfahrungen machen Sie mit Rollstuhl, Rollator oder eingeschränkter Gehfähigkeit?
Wo wünschen Sie sich Verkehrsberuhigung – und wo befürchten Sie zusätzliche Umwege oder schlechtere Erreichbarkeit?
Bayern Regional News bleibt an dieser Sache dran. Wir werden die weitere Entwicklung kritisch begleiten und dabei besonders die Menschen im Blick behalten, deren Bedürfnisse in der Verkehrsdebatte leicht übersehen werden.