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Haushaltsausschuss in Freilassing

Die Haushaltsdebatte im Freilassinger Stadtrat hat eine Schärfe erreicht, wie sie selbst langjährige Beobachter der Kommunalpolitik selten erlebt haben. Was üblicherweise von nüchternen Zahlenkolonnen, Abwägungen und parteiübergreifenden Appellen zur Verantwortung geprägt ist, entwickelte sich diesmal zu einem Schlagabtausch mit deutlichen persönlichen Untertönen. Im Mittelpunkt der Auseinandersetzung stand die Kritik von CSU-Fraktionssprecher Kreuzpointner, der Bürgermeister Hiebl ungewöhnlich frontal anging. In seiner Wortmeldung zeichnete er das Bild einer Stadtführung ohne klaren finanzpolitischen Kurs. Von „finanzpolitischem Blindflug“ war die Rede – eine Formulierung, die im Sitzungssaal für spürbare Unruhe sorgte. Kreuzpointner beließ es nicht bei grundsätzlicher Kritik am vorgelegten Zahlenwerk, sondern stellte offen die fachliche und politische Eignung des Amtsinhabers infrage. Für ein kommunalpolitisches Gremium, in dem trotz parteipolitischer Differenzen meist auf sachliche Töne geachtet wird, markierte diese Wortwahl eine neue Eskalationsstufe. Dabei entzündete sich der Konflikt am Haushaltsentwurf, der aus Sicht der CSU-Fraktion zu viele Unsicherheiten und Risiken berge. Insbesondere langfristige Verpflichtungen, Investitionsentscheidungen und die Entwicklung der Rücklagen seien nicht ausreichend abgesichert, so der Tenor der Kritik. Kreuzpointner argumentierte, es fehle eine klare Prioritätensetzung; stattdessen würden Projekte parallel vorangetrieben, ohne die finanziellen Spielräume realistisch zu bewerten. In Zeiten wirtschaftlicher Unwägbarkeiten sei ein vorsichtigerer Kurs geboten. Für zusätzliche Irritation sorgte die Tonlage, mit der diese Vorwürfe vorgetragen wurden. Mehrere Stadträte zeigten sich im Anschluss sichtlich überrascht – weniger über die inhaltlichen Differenzen, die in Haushaltsfragen nicht ungewöhnlich sind, sondern über die Deutlichkeit des persönlichen Angriffs. Hinter vorgehaltener Hand war von einer „ungewohnten Kehrtwende“ die Rede. Noch in früheren Sitzungen habe es aus Reihen der CSU konstruktivere Signale gegeben. Dass nun die Kompetenz des Bürgermeisters selbst infrage gestellt werde, habe viele Ratsmitglieder aufhorchen lassen. Bürgermeister Hiebl konterte die Vorwürfe mit demonstrativer Gelassenheit. Er verteidigte den Etat als „soliden Haushalt“, der sowohl notwendige Investitionen ermögliche als auch die finanzielle Stabilität der Stadt wahre. Die Planungen seien verantwortungsvoll erstellt worden, unter Berücksichtigung der aktuellen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und der langfristigen Entwicklung Freilassings. Man bewege sich keineswegs im Blindflug, sondern auf Grundlage sorgfältiger Prognosen und enger Abstimmung mit der Kämmerei. Hiebl betonte zudem, dass kommunale Haushaltsplanung stets ein Balanceakt sei: zwischen Sparsamkeit und Zukunftsinvestitionen, zwischen Pflichtaufgaben und freiwilligen Leistungen. Wer nur auf kurzfristige Risikovermeidung setze, gefährde unter Umständen die Handlungsfähigkeit und Attraktivität der Stadt. Gerade angesichts wachsender Anforderungen – von Infrastruktur über Kinderbetreuung bis hin zu Klimaschutzmaßnahmen – müsse Freilassing strategisch investieren. Die Debatte machte deutlich, wie sehr finanzpolitische Fragen inzwischen auch zum politischen Gradmesser geworden sind. Hinter der Auseinandersetzung um Zahlen und Prognosen schimmert ein grundlegender Konflikt über den Kurs der Stadt durch: Soll Freilassing stärker konsolidieren oder offensiv gestalten? Wie viel Risiko ist vertretbar, wie viel Vorsicht notwendig? Am Ende blieb nicht nur ein verabschiedeter oder vertagter Haushaltsplan – sondern auch der Eindruck eines Stadtrats, in dem die Fronten sich verhärten. Ob die verbale Eskalation ein einmaliger Ausreißer war oder den Beginn einer dauerhaft schärferen Gangart markiert, dürfte sich in den kommenden Sitzungen zeigen. Sicher ist: Die Haushaltsdebatte hat Spuren hinterlassen – politisch wie persönlich.

Datum: 02.03.2026 Quelle: Bayregnews