Die Linke im Stadtrat
21s nachgedacht
Linken-Stadtrat weist Kritik zurück – doch die entscheidenden Antworten für Freilassing fehlen weiterhin
Nach dem Verlust von 26 Arbeitsplätzen bei John Toys verteidigt Rudy Kreuzeder seinen Vorstoß. Sein Satz „Die DDR ist Geschichte, die Arbeitsplätze sind Gegenwart“ sorgt jedoch nicht für mehr Klarheit – und lenkt teilweise von den wirtschaftlichen Ursachen der Produktionsverlagerung ab.
Freilassing – Bayern Regional News. Die Verlagerung der Ballproduktion des Freilassinger Traditionsunternehmens John Toys nach Bulgarien hat eine politische Debatte ausgelöst, die zunehmend schärfer geführt wird. Im Mittelpunkt steht inzwischen nicht mehr allein die Zukunft des Wirtschaftsstandortes Freilassing, sondern auch Linken-Stadtrat Rudy Kreuzeder.
Nachdem Kreuzeder öffentlich Kritik an der Produktionsverlagerung geübt und zusätzliche Antworten verlangt hatte, wurde sein Vorgehen in Leserbriefen deutlich beanstandet. Der Stadtrat spricht seinerseits von persönlichen Angriffen und reagiert mit dem Satz: „Die DDR ist Geschichte, die Arbeitsplätze sind Gegenwart.“
Der Ausspruch ist griffig und dürfte Aufmerksamkeit erzeugen. Er beantwortet jedoch keine der wesentlichen Fragen: Weshalb ist eine Produktion in Freilassing offenbar nicht mehr konkurrenzfähig? Welche Kosten haben den Ausschlag gegeben? Was können Kommune, Freistaat und Bund tatsächlich dagegen unternehmen? Und welche konkreten Vorschläge hat die Linke, damit industrielle Arbeitsplätze nicht nur beklagt, sondern dauerhaft erhalten werden?
26 Menschen verlieren ihren Arbeitsplatz
Die menschliche Dimension darf bei dieser Diskussion nicht untergehen. Durch die Verlagerung der Ballproduktion verlieren 26 Beschäftigte am Standort Freilassing ihren Arbeitsplatz. Für die Betroffenen bedeutet das weit mehr als eine Zahl in einer Unternehmensmeldung. Hinter jeder Stelle stehen persönliche Lebensplanungen, Familien und finanzielle Verpflichtungen.
Das Unternehmen erklärte, die Beschäftigten erhielten Abfindungen auf Grundlage eines mit dem Betriebsrat ausgehandelten Sozialplans. Gleichzeitig soll die Mehrheit der Mitarbeiter weiterhin im Freilassinger Stammhaus beschäftigt bleiben.
Nach Darstellung der Geschäftsführung seien insbesondere stark gestiegene Energie- und Rohstoffkosten, der intensive Wettbewerb und die allgemeine Kostenentwicklung am Produktionsstandort Deutschland ausschlaggebend gewesen. Das Unternehmen bezeichnete die Verlagerung der Produktion in das bereits 2023 eröffnete Werk in Bulgarien als den einzig tragfähigen Weg, um die John GmbH langfristig zu sichern. Weitere Einzelheiten zur Unternehmensentscheidung nennt dieser Bericht.
Gerade diese Begründung muss im Mittelpunkt der politischen Auseinandersetzung stehen. Eine Produktionsverlagerung ist für die betroffenen Beschäftigten bitter. Dennoch wäre es zu einfach, daraus automatisch ein moralisches Versagen der Unternehmensleitung abzuleiten.
Ein familiengeführtes Unternehmen kann auf Dauer keine Produkte herstellen, wenn die Produktionskosten höher liegen als die am Markt erzielbaren Preise. Geht die Rechnung dauerhaft nicht mehr auf, steht irgendwann nicht nur eine Abteilung, sondern möglicherweise das gesamte Unternehmen auf dem Spiel.
Die Linke stellt Fragen – liefert aber selbst kaum Lösungen
Dass ein Stadtrat Fragen stellt, ist grundsätzlich legitim. Kommunalpolitiker dürfen und sollen sich mit Arbeitsplatzverlusten vor Ort beschäftigen. Es ist auch verständlich, wenn Kreuzeder wissen möchte, ob es Alternativen zur Verlagerung gegeben hätte.
Doch politische Verantwortung erschöpft sich nicht darin, öffentlich Forderungen an ein Unternehmen zu richten. Wer wirtschaftliche Entscheidungen scharf kritisiert, muss auch erklären, wie eine Produktion unter den bestehenden Bedingungen rentabel bleiben soll.
Genau an diesem Punkt bleibt die Position der Linken bislang unbefriedigend. Es reicht nicht, Solidarität mit den Beschäftigten zu erklären und Antworten von der Unternehmensführung zu verlangen. Notwendig wären konkrete und finanzierbare Vorschläge:
Wie sollen Energiepreise für produzierende Unternehmen dauerhaft gesenkt werden?
Wie können Lohnnebenkosten reduziert werden, ohne Arbeitnehmerrechte auszuhöhlen?
Wie soll Bürokratie abgebaut werden?
Welche kommunalen Maßnahmen wären überhaupt rechtlich und finanziell möglich?
Wer soll mögliche Subventionen bezahlen?
Und wie lange soll ein Unternehmen eine möglicherweise unrentable Produktion fortführen?
Auf solche Fragen müssen Parteien Antworten geben, wenn sie wirtschaftspolitisch ernst genommen werden wollen.
Ein Stadtrat kann eine unternehmerische Entscheidung nicht rückgängig machen
In der Diskussion entsteht stellenweise der Eindruck, als könne der Freilassinger Stadtrat die Verlagerung durch politischen Druck verhindern oder rückgängig machen. Das entspricht jedoch nicht den tatsächlichen Möglichkeiten der Kommunalpolitik.
Der Stadtrat kann sich für gute Standortbedingungen einsetzen. Er kann über Gewerbeflächen, Verkehrswege, kommunale Gebühren und örtliche Verwaltungsabläufe diskutieren. Er kann Gespräche vermitteln und seine politische Unterstützung anbieten. Die eigentliche unternehmerische Entscheidung bleibt jedoch Sache der Geschäftsführung.
Auch eine öffentliche Aussprache im Rathaus kann die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen nicht einfach außer Kraft setzen. Freilassing kann weder die internationalen Rohstoffpreise festlegen noch allein die Energiepolitik Deutschlands verändern. Die Stadt kann ebenso wenig verhindern, dass Unternehmen im europäischen Binnenmarkt verschiedene Produktionsstandorte miteinander vergleichen.
Politik sollte deshalb ehrlich benennen, welche Handlungsmöglichkeiten sie besitzt – und wo ihre Grenzen liegen.
Der Verweis auf die DDR ist keine überzeugende Antwort
Kreuzeders Satz „Die DDR ist Geschichte, die Arbeitsplätze sind Gegenwart“ soll offenbar deutlich machen, dass historische Vorwürfe gegen die Linke mit dem aktuellen Arbeitsplatzverlust nichts zu tun hätten. Das ist zunächst nachvollziehbar: Persönliche Herabsetzungen und pauschale Unterstellungen tragen nichts zur Lösung bei.
Trotzdem wirkt der Satz wie ein politischer Konter, der die eigentliche Sachfrage umgeht. Selbstverständlich ist die DDR Geschichte. Ebenso selbstverständlich gehört die Auseinandersetzung mit der Geschichte jener Partei, aus deren Entwicklung die heutige Linke hervorgegangen ist, zum politischen Diskurs. Beides darf angesprochen werden, ohne daraus persönliche Angriffe zu machen.
Entscheidend ist aber: Weder historische Schuldzuweisungen noch zugespitzte Gegenreaktionen retten einen einzigen Arbeitsplatz bei John Toys.
Die Menschen in Freilassing brauchen keine politischen Schlagabtausche, sondern nachvollziehbare Antworten. Wer die wirtschaftlichen Ursachen der Verlagerung ernsthaft untersuchen möchte, sollte Zahlen, Kostenstrukturen und realistische Alternativen auf den Tisch legen.
Unternehmensleitung nicht vorschnell an den Pranger stellen
John Toys feiert 2026 sein 100-jähriges Bestehen. Ein Unternehmen, das ein Jahrhundert lang am Markt besteht, hat Krisen, wirtschaftliche Veränderungen und unterschiedliche politische Rahmenbedingungen überstanden. Dass die Geschäftsführung ausgerechnet im Jubiläumsjahr einen Teil der Produktion verlagert und Beschäftigte entlässt, dürfte keine leichte Entscheidung gewesen sein.
Nach Angaben des Unternehmens seien verschiedene Alternativen geprüft worden. Von außen lässt sich ohne vollständigen Einblick in interne Kalkulationen kaum abschließend beurteilen, ob tatsächlich jede denkbare Möglichkeit ausgeschöpft wurde. Genau deshalb ist journalistische und politische Zurückhaltung notwendig.
Es ist berechtigt, kritisch nachzufragen. Unfair wäre es jedoch, ohne Belege zu unterstellen, das Unternehmen habe leichtfertig oder ausschließlich aus Gewinnstreben gehandelt. Auch die Tatsache, dass ein Sozialplan vereinbart wurde und ein großer Teil der Arbeitsplätze in Freilassing erhalten bleiben soll, gehört zu einer vollständigen Darstellung.
Wer jetzt mit maximaler Härte gegen die Geschäftsführung auftritt, könnte zudem ein problematisches Signal an andere mittelständische Betriebe senden: Unternehmer, die offen über wirtschaftliche Schwierigkeiten sprechen, dürfen nicht automatisch öffentlich an den Pranger gestellt werden.
Widerspruch ist kein persönlicher Angriff
Kreuzeder spricht im Zusammenhang mit den Leserbriefen von persönlichen Angriffen. Ob einzelne Formulierungen tatsächlich eine Grenze überschritten haben, muss anhand ihres genauen Wortlauts beurteilt werden. Grundsätzlich gilt jedoch: Wer sich öffentlich und zugespitzt zu einer wirtschaftspolitischen Frage äußert, muss auch mit deutlichem Widerspruch rechnen.
Kritik an einem Stadtrat ist nicht automatisch ein persönlicher Angriff. Politiker nehmen ein öffentliches Amt wahr. Ihre Aussagen und Forderungen dürfen deshalb von Bürgern, Unternehmen und Medien kritisch hinterfragt werden.
Die Grenze wird dort überschritten, wo Menschen beleidigt, bedroht oder aufgrund persönlicher Merkmale herabgesetzt werden. Eine sachliche Kritik an der Wirtschaftspolitik der Linken oder an Kreuzeders Vorgehen gehört dagegen zur demokratischen Auseinandersetzung.
Gerade eine Partei, die regelmäßig harte Kritik an Unternehmen und politischen Gegnern äußert, muss sich selbst einer ebenso deutlichen Bewertung stellen.
Die Debatte droht am eigentlichen Problem vorbeizugehen
Der Streit um Kreuzeder birgt die Gefahr, dass die betroffenen Beschäftigten und die Zukunft des Standortes in den Hintergrund geraten. Die entscheidende Frage lautet nicht, wer einen rhetorischen Schlagabtausch gewinnt. Entscheidend ist, ob Freilassing auch künftig ein attraktiver Standort für produzierende Unternehmen bleibt.
Dazu gehören bezahlbare Energie, verlässliche politische Entscheidungen, eine leistungsfähige Infrastruktur, ausreichend Fachkräfte, wettbewerbsfähige Steuern und möglichst unbürokratische Verfahren. Viele dieser Themen können allerdings nur auf Landes-, Bundes- oder europäischer Ebene gelöst werden.
Wenn die Linke die Verlagerung bei John Toys zum politischen Thema macht, sollte sie deshalb auch ihre eigene Wirtschafts- und Energiepolitik kritisch überprüfen. Höhere Belastungen, zusätzliche Vorschriften und ständig neue staatliche Auflagen lassen sich nur schwer mit der gleichzeitigen Forderung vereinbaren, industrielle Arbeitsplätze müssten unter allen Umständen in Deutschland bleiben.
Unternehmen benötigen Planungssicherheit. Sie müssen wissen, mit welchen Kosten, Vorschriften und politischen Entscheidungen sie in den kommenden Jahren rechnen können. Fehlt diese Sicherheit, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Investitionen an anderen Standorten vorgenommen werden.
Kommentar von Bayern Regional News
Rudy Kreuzeder hat jedes Recht, sich für die betroffenen Beschäftigten einzusetzen. Er darf Fragen stellen und die Entscheidung des Unternehmens kritisieren. Doch wer politische Verantwortung beansprucht, muss mehr anbieten als Empörung, Forderungen und einen medienwirksamen Satz.
„Die DDR ist Geschichte, die Arbeitsplätze sind Gegenwart“ klingt entschlossen. Es bleibt aber eine Überschrift, solange keine umsetzbaren Vorschläge folgen.
Die 26 Betroffenen benötigen keine ideologische Auseinandersetzung, sondern Unterstützung, faire Übergangslösungen und möglichst rasch neue berufliche Perspektiven. Gleichzeitig muss alles dafür getan werden, die verbleibenden Arbeitsplätze bei John Toys in Freilassing zu sichern.
Die Linke sollte daher offenlegen, welche konkreten Maßnahmen sie fordert, was diese kosten würden und wer sie bezahlen soll. Erst dann kann beurteilt werden, ob hinter der Kritik ein realistisches Konzept steht oder lediglich der Versuch, aus einer schwierigen Unternehmensentscheidung politisches Kapital zu schlagen.
Bayern Regional News bleibt bei diesem Thema kritisch, aber fair. Persönliche Angriffe lehnen wir ab. Ebenso lehnen wir es ab, Unternehmen ohne Kenntnis ihrer vollständigen wirtschaftlichen Lage pauschal zu verurteilen.
Denn am Ende zählt nicht, wer in der öffentlichen Debatte den schärfsten Satz formuliert. Entscheidend ist, ob Freilassing auch in Zukunft ein Ort bleibt, an dem Unternehmen investieren, produzieren und Menschen sichere Arbeitsplätze finden können. Die von Ihnen angeführte Reaktion Kreuzeders wurde am 19. August veröffentlicht; der zugrunde liegende Bericht ist bei der Passauer Neuen Presse nachzulesen.